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Auswandern aus Deutschland – Aber um jeden Preis?

Als Auswanderer und Autor des Büchleins „Wilder Westen Brasilien – Aus dem Tagebuch eines Auswanderers" müsste ich die Antworten solcher Fragen eigentlich genau kennen: Was treibt uns Deutsche aus unserem Land, welche Dinge vermissen wir in unserem deutschen Leben, weshalb suchen wir das Glück woanders? Diese Fragen sind deshalb nicht einfach zu beantworten, da jeder Mensch in seinem Dasein doch sehr individuelle Ziele im Visier hat. Der deutsche Mediziner wandert nach Norwegen oder England aus, weil ihm das Gesundheitssystem seiner Heimat das äußerste abverlangt, ohne ihn seiner Meinung nach angemessen zu entlohnen. Der deutsche Unternehmer wandert aus, weil ihn deutsche Behörden mit ihrem Vorschriftenwahn zu erwürgen drohen. Der deutsche Eliteschüler wandert aus, weil englische und amerikanische Universitäten ihm das weltweit privilegierteste Diplom ausstellen. Der deutsche Querdenker zieht von dannen, weil ihn die deutsche Geradeausdenkerei seiner Kreativität beraubt. Der deutsche Globetrotter kehrt nicht zurück, weil er gerade keinen Bock auf Spießigkeit hat. Der deutsche Mann wandert aus, weil ihm südamerikanische Frauen das geben, wovon er in Deutschland nachts träumt. Die deutsche Frau wandert aus weil… nun, das ist wirklich eine gute Frage .

Ist Deutschland wirklich so krass, dass all diese Menschen gute Gründe dafür haben, ihrer Heimat den Rücken zu kehren? Hatte ICH wirklich gute Gründe, meinen gutdotierten und sicheren Job bei einem deutschen Vorzeigeunternehmen an den Nagel zu hängen, um in Brasilien Rinder zu züchten? Heute, zirka vier Jahre nach meiner Entscheidung, will ich diese Frage nicht zwangsläufig verneinen, jedoch sehe ich sie anders als damals. Aber ich lebe mit dieser Entscheidung, ich bin glücklich mit ihr und ich bereue sich nicht. Auch wenn ich mir vieles in meinem neuen Leben anders vorstellte als es dann tatsächlich eintrat.

Ich denke, das ist bei einem solchen Schritt normal. Wer auswandert, kann nicht alle Eventualitäten berücksichtigen. Es bleibt immer ein Unsicherheitsfaktor, ein Risiko. Leben eben. Selbst wenn es sich wie bei mir um jemanden handelt, der das Land seiner Träume schon lange kannte, bevor er den Schritt wagte. Der Wunsch des Auswanderns entstand bei mir, als ich noch jung war, keine Angst kannte und das Wort Risiko noch mit Männlichkeit gleichsetzte. Heute bin ich zwar noch nicht alt, jedoch älter, ergo reifer. Heute mache ich mir plötzlich Gedanken über ernste Krankheiten oder Unfälle und frage mich, was hier in der Pampa unter solchen Umständen abläuft. Angeheizt wird meine Gedankenküche von unzähligen Motorradunfällen in meiner Stadt, die mangels medizinischer Infrastruktur tödlich enden. In Deutschland würden die meisten von ihnen überleben, weil nach durchschnittlich zehn Minuten ein bestens ausgestatteter Rettungswagen aufkreuzt, der den Verunfallten innerhalb kürzester Zeit in ein dem Stand der Zeit entsprechendes Krankenhaus befördert. Im schlimmsten Fall kommt der Hubschrauber. Der wäre in Brasilien aufgrund der immensen Entfernungen sicherlich weitaus angebrachter. Aber Rettungswesen in Brasilien? Ein verdammt trauriges Kapitel.

Ein Freund von mir, Polizist, ist mit seinen 38 Jahren noch viel zu jung, um mit fortgeschrittener Knie-Arthrose in Rente zu gehen. Von künstlichen Kniegelenken können die meisten Brasilianer in einer solchen Sachlage nur träumen. Stattdessen laufen sie auf Krücken oder fahren mit dem aus eigenen Mitteln finanzierten Rollstuhl. Ich versuche immer, so etwas zu verdrängen. Was mir dabei hilft ist die Tatsache, dass ich niemals im Leben ernsthaft erkrankte oder in einen schlimmen Unfall verwickelt war. Wie schaffen es die Brasilianer nur so erfolgreich, sich über solche Dinge keinen Kopf zu machen? Sind sie zu unbeschwert oder zu ungebildet? Kommt diese sagenhafte Unbeschwertheit aus Mangel an Bildung? Oder liegt es am festen Glauben an Gott, der nur das beste für seine Brasilianer will und in der Überzeugung, dass sein Wille der richtige Weg ist?

Ich bezweifle, dass sich die meisten Deutschen von ihrer fast schon angeborenen Rationalität abkoppeln können und echte Brasilianer werden. Zumindest dann nicht, wenn sie im fortgeschrittenen Erwachsenenalter in eine völlig andersartige Hemisphäre kommen. Allerdings werden dann wohl kaum echte Glücksgefühle aufkommen können. Nun, ich jedoch habe es tatsächlich geschafft, mir nicht öfter als notwendig Gedanken über die unangenehmen Seiten des Lebens zu machen.

Ich sehe es als wichtige, wenn nicht als entscheidende Erfahrung meines menschlichen Werdeganges, dank meiner neuen Lebensumgebung in Bezug auf meinen früheren Wirkungskreis, Deutschland, alles differenzierter zu sehen. Plötzlich weiß ich Dinge zu würdigen, die mich früher kaum zu einem Gedanken angeregt hätten. Der oben erwähnten Tatsache, dass bei einem Unfall oder einem Herzinfarkt innerhalb kürzester Zeit kompetente Rettung naht, werden wir uns in aller Regel erst dann bewusst, wenn wir in eine solche bedauernswerte Situation geraten. Hier, in meiner zentralbrasilianischen Kleinstadt Colinas (ca. 30000 Einwohner), habe ich schon einige Kradfahrer am Unfallort verbluten sehen. Es existieren weder Unfallmanagement noch Rettungskette und adäquate medizinische Infrastruktur. Das Krankenhaus besitzt keine Notfallaufnahme und keine Intensivstation. Bisweilen ist nicht einmal ein Arzt anwesend. Ein halbwegs akzeptables Krankenhaus befindet sich in 110 Kilometer Entfernung, die der Schwerverunfallte auf der Pritsche eines überdachten Pick-Ups überstehen muss. Wer so was im Urlaub sieht, ist in den meisten Fällen froh, in die zivilisierte Welt zurückkehren zu dürfen.

Nachdem wir uns jedoch entschieden haben, in einem Land wie Brasilien zu leben, müssen wir uns auch über die damit einhergehenden Konsequenzen bewusst werden. Um sich dieser Konsequenzen bewusst zu werden, ist eine Auseinandersetzung mit ihnen erforderlich, um sie für sich persönlich zu gewichten. Ich kenne Menschen in Deutschland, die bei meiner Ankündigung, nach Brasilien auswandern zu wollen, aufschrieen. Jene haben zumindest schon feste Vorstellungen (wenn auch oft nur aus nicht immer zutreffenden Vorurteilen bestehend) in Bezug auf die brasilianischen Lebensbedingungen und könnten sich niemals mit ihnen anfreunden. Klare Sache also, Entscheidung akzeptiert. Dann sind da noch jene Furchtlosen, die keinerlei Gedanken an irgendwelche Gefahren verschwenden. Obwohl sie die möglichen Gefahren genau kennen und sich derer bewusst sind. Echte Kerle eben. Schließlich sind dann noch diejenigen, vermutlich die größte Gruppe aller Auswanderer, die die Risiken nicht genau durchschauen und aufs Geratewohl auswandern. Sie sind von den vermeintlichen Annehmlichkeiten des neuen Lebens gleichermaßen fasziniert wie auch geblendet, so dass sie die negativen Aspekte nicht sehen bzw. nicht sehen wollen. Und das ist nicht ungefährlich.

Es ist immer wieder amüsant, in den einschlägigen Brasilien-Foren (z.B. bei Brasil-Web) die unbedarften Vorstellungen, zumeist jüngerer Menschen, über das Leben in Brasilien zu verfolgen. Besonders drollig war eine junge Frau, die unzufrieden mit dem Leben in Deutschland ist (Menschen doof, Wetter scheiße, nur für die Steuern arbeiten usw.) und unbedingt nach Brasilien emigrieren will. Sie hätte da eine tolle Geschäftsidee, die sie mit ihrer Freundin realisieren wollte und ein bisschen Geld hätten sie auch gespart. Das Problem nur: wie einen legalen Aufenthaltsstatus erlangen ohne einen Brasilianer heiraten zu müssen? Die Erfolgschancen einer solchen Expedition sind denkbar gering, zumindest in finanzieller Hinsicht. Dennoch bin ich unbedingt dafür, eine solche Unternehmung zu wagen, denn die junge Frau wird viele wertvolle Erkenntnisse sammeln, enorm dazulernen und vielleicht glücklich nach Deutschland zurückkehren. Allerdings nur dann, wenn sie sich aller möglichen Folgen vorher bewusst ist. Aber genau dies bezweifle ich. Sie denkt an lockeres Geschäftemachen in entspannter Bossanova-Atmosphäre, an die anschließenden Caipirinhas mit (in Wirklichkeit nicht immer ganz so) netten Menschen am Strand und vielleicht an einen ausdauernden Latino-Lover. Träume sind wichtig. Deren Realisierbarkeitschancen freilich ebenso. Echte Enttäuschungen als Folge unerwarteter Erfahrungen sind bitter, daher sollte die eigene Erwartungshaltung vor derart großen Schritten im Leben hinreichend auf die Erfüllungswahrscheinlichkeit überprüft werden. Es lassen sich viele Dinge aus der eigenen Erkenntnis heraus nicht immer gut voraussehen. Aber es gibt Menschen, die hierbei helfen können.

Ich habe Brasilien 1993 bei einem Praxissemester in einem deutschen Unternehmen erstmalig kennen gelernt. Bis zu meinem Entschluss im Jahr 2003 nach Brasilien auszuwandern, hatte ich auf zahlreichen Reisen Gelegenheit die brasilianische Mentalität zu studieren. Meine damalige brasilianische Ehefrau hatte großen Anteil an diesem Prozess. Selbst mit diesem Wissensschatz ausgestattet muss ich gestehen, einige Dinge nach meiner Immgration hier zu blauäugig angegangen zu sein. Auf einige Enttäuschungen hätte ich gern verzichtet. Dies hat jedoch weder meine Liebe zu Brasilien geschmälert noch meine Liebe zu Deutschland erhöht. Nur sehe ich heute vieles weitaus kritischer und bedachter. In Deutschland empfand ich vieles als überorganisiert, pedantisch, spießig, ohne Charme. Inzwischen würde ich mich gern hin und wieder mal aus dem Chaos in die Spießigkeit beamen lassen, wenn diese Technik denn schon zur Verfügung stünde. Beneidenswert ist denke ich derjenige, der eine Hälfte des Jahres in Brasilien und die andere Hälfte in Deutschland verbringen kann. Das ist auch mein Traum, der sich beruflich jedoch leider meistens schwer verwirklichen lässt.

Enttäuscht wurde ich glücklicherweise nicht in der Liebe, meine zweite Ehefrau erwies sich als zuverlässige und liebenswerte Partnerin. Das Fundament ist also intakt. Beruflich erfolgte eine Umorientierung, da ich in meinem Leben nicht nur eine örtliche sondern auch eine inhaltliche Wende vollziehen wollte. Wir führten ein Geschäft mit Kinderbekleidung sowie ein Juwelierladen mit eigener Produktion. Ferner stieg ich mit einer eigenen Rinderherde in die Landwirtschaft ein. Das Bekleidungsgeschäft ging aufgrund der (nicht vorhandenen) Zahlungsmoral unserer Kunden den Bach herunter, wir mussten es praktisch als Totalverlust abschreiben. Mit dem Juweliergeschäft lief es zum Glück etwas besser. Aber bevor auch dieses Geschäft aufgrund der vorgenannten Gründe in die roten Zahlen abzurutschen drohte, ergriff ich die Chance, es mit ein wenig Gewinn zu verkaufen. Nicht selbst verschuldetes Pech hatte ich auch mit Hornvieh, da kurz vor dem Veräußerungstermin ausgerechnet ein Fall von Maul- und Klauenseuche im Bundesstaat Mato Grosso do Sul auftreten musste. Dies hatte ein fast weltweites Exportverbot brasilianischen Rindfleisches mit einem zirka 30prozentigen Preiseinbruch auf dem nationalen Fleischmarkt zur Folge. Glücklicherweise hatte all dies keinen finanziellen Genickbruch zur Folge, so dass ich diese Erfahrungen als überaus lehrreiche Lektionen mit auf meinen Lebensweg nehme.

Meine Erfahrungen aus der Landwirtschaft und das Zustandekommen wertvoller Kontakte lassen mich derzeit meinen Einstieg in das internationale Agro-Consulting erproben und vorbereiten. Hierbei helfen mir auch meine früheren Erfahrungen als Ingenieur und der augenblickliche weltweite Run auf nachwachsende Energieträger.

 

Nicht nur für jene, die sich für das Auswandern oder für Brasilien interessieren, habe ich das oben bereits erwähnte Buch „Wilder Westen Brasilien – Aus dem Tagebuch eines Auswanderers" (ISBN-10: 3-936904-26-X / Autor: Steffen Udo Herklotz) geschrieben, sondern auch für all jene, die sich für das reale Leben anderer Menschen interessieren. Es ist absolut authentisch und im Online-Bookshop meines Verlegers „Publikationsservice" (www.publikationsservice.de) sowie bei Amazon erhältlich. Aus sehr persönlicher Sicht geschrieben, bietet es an einigen Stellen reichlich Stoff für kontroverse Ansichten, was jedoch durchaus beabsichtigt war. Ich würde mich freuen, wenn in diesem Blog eine freudige Diskussion über das Auswandern und über Brasilien zustande kommt.

27.4.07 23:47, kommentieren

Die lebendend Dummys - Fehlendes Sicherheitsbewusstsein in Brasilien

In der zweiten und dritten Welt kommt nicht alles mit Verzögerung an. Sicherheitstechnik in Autos, die der Europäer oder Amerikaner schon seit Jahren oder Jahrzehnten kennt, glänzt in Brasilien praktisch durch Abwesenheit. Kreative DVD-Systeme zum Abspielen von Videoclips inklusive 5000-Watt-Verstärkung lässt sich hingegen in zahlreichen brasilianischen PKW finden. Das brasilianische Motto lautet also offenbar: Lieber unterhaltsam in den Tod, als leichtverletzt ins Krankenhaus. Angesichts brasilianischer Krankenhäuser durchaus nachvollziehbar.

Fahrzeuge ohne ABS, gleich welcher Klasse, waren in Deutschland bereits seit Anfang der neunziger Jahre unverkäuflich. Dieses Sicherheitsfeature gehörte seitdem zum unverzichtbaren Serienumfang selbst von Kleinwagen. Ebenso war es mit dem elektronischen Stabilitätsprogramm ESP, das Mitte der neunziger Jahre erstmalig bei Mercedes-Benz in der damaligen S-Klasse zum Einsatz kam und seit einigen Jahren zum elementaren Bestandteil von fahrbaren Untersätzen gehört. Bei Airbags verhält es sich nicht anders. Seit Mitte der neunziger Jahre waren praktisch alle Fahrzeugklassen serienmäßig damit ausgerüstet und heutzutage hat jedes in Deutschland verkaufte Fahrzeug mindestens 6 Airbags an Bord.

Wenn Sie sich in Deutschland einen in Brasilien hergestellten VW Fox zulegen, würden Sie kaum auf ABS und Airbags in der Serienausstattung verzichten. Der Brasilianer verzichtet jedoch trotz des umgerechnet gleichen Preises (ca. 10000 Euro zu 30000 Real) gern darauf. Und das, obwohl er aufgrund des durchschnittlich sechsfach geringeren Einkommensniveaus entsprechend länger auf sein Vehikel sparen muss, als der deutsche Konsument. Die Erklärung der Autoindustrie: Der Konsument fordere derartige Features nicht. Ist der Brasilianer also ein lebender Dummy, der freiwillig auf ein Maximum an Sicherheit verzichtet, um die Karosseriestruktur der Fahrzeuge und die Belastbarkeit des eigenen Körpers im Falle eines Unfalls zu studieren?

Diese Hypothese erscheint einerseits paradox, weil der Brasilianer als lebensfrohe Spezies gilt und folglich am Leben hängen müsste, andererseits logisch, weil die Mehrheit von ihnen ungebildet ist und die wichtigen Dinge im Leben nicht von den unwichtigen zu unterscheiden weiß. Originalzitat eines Brasilianers: „Ich brauche keinen Plastiksack als Airbag. Gott ist mein Airbag". Bei jährlich rund 50000 Verkehrstoten in Brasilien scheint Gott jedoch kein brauchbarer Airbag zu sein. Diese Zahl an Verkehrstoten ist den meisten unbekannt, und wenn sie ihnen bekannt wäre, würde sie keinerlei Überlegungen hervorrufen. Echte Dummys also.

Es gibt in Brasilien also tatsächlich Menschen, die 50 durchschnittliche Monatsgehälter (=50000 Real) für ein Fahrzeug ausgeben, das weder ABS noch Airbags, geschweige denn ESP besitzt. Dafür bauen sie sich dann nachträglich für 5000 Real Beschallungsanlagen ein, um die Umgebung über ihren Musikgeschmack zu informieren. Und wie Volkswagen es in Brasilien schafft, in Form eines „VW Parati" einen Wagen auf dem technischen Stand der Endachtziger für über 50000 Real zu verkaufen, ist für mich ein absolutes Rätsel. Aus geschäftlicher Sicht ist es allerdings ein genialer Wurf. Als ich in einem solchen Vehikel, Baujahr 2006, leihweise unterwegs war, fühlte ich mich ständig an einen Wagen erinnert, den ich vor langer Zeit in Deutschland fuhr: Einen Audi 80, Baujahr 1979. Dies geht tatsächlich nur mit unbedarften und unkritischen Konsumenten.

Es wird in Brasilien gewiss noch sehr lange dauern, bis die auf Käfer-Niveau befindliche Sicherheitstechnik gegen einen zeitgemäßen Standard ausgetauscht wird. Vielleicht geht es gar nur mit gesetzlichen Zwangsvorschriften, ähnlich denen, die in Brasilien den Betrieb von PKW mit Dieselmotoren verbieten. Warum sollte das, was aus energiepolitischen Gründen funktioniert, nicht auch aus Verbraucherschutz-Gründen machbar sein?

Steffen

27.04.2007

27.4.07 23:50, kommentieren

Brasilien – Die globale Kornkammer von morgen?

Brasilien ist geologisch, geografisch und klimatisch gesehen ein von Gott gesegnetes Land. Mit 8,5 Mio qkm riesig groß, bei über 7000 km Küstenlänge mit einem traumhaften Zugang zum Meer ausgestattet, im Verhältnis zur Größe des Landes fast frei von nicht oder schlecht nutzbaren Gebirgsregionen und fast ohne Naturkatastrophen. Aufgrund der enormen Nord-Südausstreckung finden sich 3 Klimazonen in Brasilien: tropisch, subtropisch und gemäßigt. Da ist für fast jedes Lebewesen etwas dabei, um sich wohl zu fühlen.

 

Aufgrund dieser Voraussetzungen ist Brasilien bereits heute einer der weltgrößten Produzenten von Soja, Kaffee, Mais, Reis, Orangen (einschließlich der Weiterverarbeitung zu Konzentrat) und Rindfleisch. Und es ist noch großes Potential vorhanden, denn die Anbaumethoden entsprechen vielfach noch nicht dem heutigen Stand der Technik. Bei konsequenter und flächendeckender Einführung moderner Produktionsmethoden (Maschinen, Dünger, Bewässerung) könnten die durchschnittlichen Flächenerträge noch beträchtlich gesteigert werden, ohne dass wertvolle Urwälder in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt werden müssten. Die Nutzung moderner Technik scheitert in Brasilien meistens aufgrund des Mangels an finanziellen Ressourcen vieler Landwirte. Kredite sind teuer und Brasiliens Politik unterstützt seine Bauern nicht mit Subventionen. Auch bei (klimatisch bedingten) Ernteausfällen kann der Landwirt nicht mit Unterstützung durch den Staat rechnen, so wie das beispielsweise in Europa gängige Praxis ist.

 

Man könnte sich an dieser Stelle streiten, was die richtige Politik ist. Einerseits ist ein Landwirt ein Unternehmer, der somit ein unternehmerisches Risiko zu tragen hat. Dieses Risiko schließt Ernteausfälle mit ein. Andererseits hat die Tätigkeit des Landwirts eine fundamental-globale Dimension: die Ernährung der Menschheit zu sichern. Aus diesem Grunde ist der Maisbauer, dessen Ernte von einer Dürre vernichtet wurde, hinsichtlich der Kompensation von unternehmerischen Risiken nicht gleichzusetzen mit dem Schuhfabrikanten, dessen Produktionshalle abgebrannt ist. Zumal im letzteren Falle in der Regel eine Versicherung den Schaden übernimmt.

 

Eine Sonderstellung nimmt Brasilien bei nachwachsenden Energieträgern, derzeit insbesondere bei Zuckerrohr ein. Aufgrund einer weisen Entscheidung der damaligen Militärdiktatur Ende der siebziger Jahre, begann Brasilien mit dem Aufbau einer flächendeckenden Produktion und Versorgung von Bioethanol für den Einsatz in Kraftfahrzeugen, um die Abhängigkeit des Landes von Energieimporten zu vermindern. Als hierfür bestens geeignetes Ausgangsmaterial bot sich Zuckerrohr an, dessen Produktivität beispielsweise im Vergleich zu Mais um ein Vielfaches höher ist. In eine ernste Krise geriet das Projekt Mitte der achtziger Jahre, als die Energiepreise wieder fielen und die Zuckerpreise stiegen. Somit war Ethanol über viele Jahre teurer als konventioneller Kraftstoff und der Marktanteil an Alkohol-Fahrzeugen ging dramatisch zurück. Die Renaissance des Bioalkohols kam dann mit den steil ansteigenden Rohölpreisen seit der Jahrtausendwende und mit neuen technischen Lösungen der Automobilindustrie, die einen beliebigen Mischbetrieb der Motoren mit Benzin und Alkohol erlaubten. Heute ist die überwiegende Mehrheit aller in Brasilien verkauften Fahrzeuge mit diesen sogenannten Totalflex-Motoren ausgestattet.

 

Obgleich nachwachsende Energieträger nur zu einem sehr geringen Teil zur Deckung des weltweiten Energiebedarfs beitragen, derzeit etwas über ein Prozent, existiert momentan ein regelrechter Run auf Biofuels, ausgelöst durch den Anfang 2007 veröffentlichten Klima-Report. Besonders in Brasilien sind unzählige Landwirte momentan damit beschäftigt, ihre Landflächen in Zuckerrohr-Monokulturen zu verwandeln. Wer heute durch São Paulo fährt, fühlt sich in weiten Teilen dieses Bundesstaates wie in einem riesigen grünen Meer aus Rohrhalmen badend. Ähnlich kommt sich wohl eine Ameise auf dem heimischen Rasen vor. Wo vor kurzer Zeit noch große Rinderherden zufrieden ihr Gras kauten, sind die Flächen heute mit Zuckerrohr kultiviert. Die Renditen der Fleischviehzucht sind mit 3-5 % einfach zu niedrig, um den teuren Boden in São Paulo mit den wiederkäuenden Vierbeinern voll zu stellen. Zuckerrohr verspricht ein Vielfaches mehr an Return of Invest und die teure Anfangsinvestition der Bepflanzung ist bereits nach gut einem Jahr amortisiert. Ein Steckling treibt bis zu 6 Mal produktiv aus, was bedeutet, dass der Landwirt 6 Jahre lang kein Geld für das Bestellen der Felder ausgeben muss. Nur düngen und ernten.

Aber gerade das Ernten von Zuckerrohr bietet reichlich Konfliktstoff. Obwohl die mechanisierte Ernte ohne das vorherige Abfackeln der Zuckerrohrfelder seit Jahrzehnten auf dem Vormarsch ist, werden auch heutzutage noch rund 50% des Zuckerrohrs manuell geerntet und dabei vorher angezündet. Dabei verbrennt alles (die unproduktiven Blätter und Stängel der Pflanze), außer dem safthaltigen Zentralhalm. Bei den Großbränden werden Unmengen von Kohlendioxid freigesetzt, Rauch und Asche kontaminieren nahegelegene Städte. Die manuelle Ernte stellt zwar einerseits die Einkommensquelle hunderttausender Brasilianer dar, andererseits ist die Arbeit auf den verkohlten Feldern Sklavendienst der ungenehmsten Sorte. Unter sengender Sonne und mit Kohlenstoff kontaminiert schuften die Menschen 12 Stunden täglich, um pro Tonne zirka zwei Real zu verdienen. Gute Schneider schaffen rund 10 Tonnen pro Tag, womit sie auf zwanzig Real kommen.

 

Es existieren auch mahnende Stimmen, die sagen, dass das mit dem Zuckerrohr alles viel zu schnell geht. Boomartige Entwicklungen sind selten gut, denn gerade in der Landwirtschaft sind die Auswirkungen, z.B. auf die Natur, nur spät zu erkennen und oft nur schwer oder gar nicht umkehrbar. Der beste Beweis war der Soja-Boom in weiten Teilen Brasilien, so in Mato Grosso und Tocantins beispielsweise. Dort wurden in Erwartung eines weltweiten Nachfrage-Aufschwungs unendliche Weiten mit der Bohne bepflanzt, was 2006 ein jähes Ende fand. Der starke Dollarkurs in Verbindung mit der US-amerikanischen Subventionspolitik, ließ den Preis auf 13 Real je Sack einbrechen, ein Wert, der weit unter den Produktionskosten liegt. Der Preis hat sich zwar wieder verdoppelt, jedoch ist zum einen auch er noch nicht ausreichend, um angemessen an dem Produkt zu verdienen und zum anderen hat das Jahr 2006 vielen Soja-Farmern finanziell das Genick gebrochen, so dass diese gar nicht mehr die Möglichkeit haben, sich wieder zu erholen. In Mato Grosso kamen in diesem Jahr noch extreme Niederschläge mit Überschwemmungen hinzu, die einen nennenswerten Teil der Ernte auf den Felder verfaulen ließen.

Bei Zuckerrohr ist Brasilien freilich Marktführer, die Pflanze ist relativ anspruchslos (abgesehen von einer erforderlichen üppigen Düngung) und die Produktschiene hochprofitabel. Damit ist das Risiko in finanzieller Hinsicht ungleich niedriger, als z.B. bei Sojabohnen. Dennoch sind die sozialen Auswirkungen und die Rückwirkungen auf die Natur noch völlig unabschätzbar, wenn jährlich Hunderttausende Hektar an Weideland zu Zuckerrohrplantagen transformiert werden. Brasilien ist heute in der Lage, eine Schlüsseltechnologie als ganzheitliches Konzept exportieren zu können. Brasilianische Unternehmen sind somit weltweit als Berater und Projekteure gefragt, wenn es um den Aufbau einer Bioethanol-Industrie, speziell aus Zuckerrohr, geht. Speziell Indien und südostasiatische Länder sind in diesen Tagen mit Hochdruck dabei, dem brasilianischen Vorbild nachzueifern und auf den Biofuel-Zug aufzuspringen.

 

Um ebenfalls von den völlig anderen Marktbedingungen in Europa profitieren zu können –dort sind derzeit rund die Hälfte aller PKW mit Dieselmotoren ausgerüstet – investiert Brasilien derzeit kräftig in die Biodiesel-Produktion. Auch hier ist das Land in der glücklichen Lage, dass außer Raps alle wichtigen Ölpflanzen beheimatet sind. Sojabohnen, Sonnenblumen, Ölpalmen und Rizinus heißen in diesem Falle die Alternativen, wobei sich alles auf letztere zu konzentrieren scheint. Denn die Rizinusstaude besitzt den Vorteil der absoluten Anspruchslosigkeit, da sie selbst in semi-ariden Zonen gedeiht. So lassen sich plötzlich Flächen im trockenen Nordosten des Landes (z.B. Ceará nutzbar machen, die zuvor unproduktiv waren. Die niedrigen Bodenpreise wirken zusätzlich attraktiv. Auch in Tocantins spricht heute niemand mehr von Sojabohnen, sondern plötzlich alle nur noch von Mamona (Rizinus). Brasilianer sind wie Lemminge, die dem erstbesten Pseudo-Guru nachlaufen, ohne jedoch die wichtigen Details zu hinterfragen.

So ist ungewiss, wie die Wettbewerbsnachteile des deutlich höheren Rizinusölpreises im Vergleich zum Dieselöl aufgefangen werden können, ohne dass die Politik subventionierend eingreifen muss. Hinzu kommen noch Kosten für die Veredlung des Rizinusöls, damit es für den Einsatz in modernen Dieselmotoren taugt. Die Transportkosten spielen heute mit Supertankern keine bedeutende Rolle mehr, so dass Herstellermarkt und Verbrauchermarkt nicht ortsgleich sein müssen.

 

Brasilien ist schon heute in der Lage, nicht nur einen bedeutenden Beitrag zur Energieversorgung der Welt zu leisten. Vielmehr zählt das Land mit einer diversifizierten Produktpalette zu einem der weltweit wichtigsten Agrarexporteure, dem zukünftig noch viel zuzutrauen ist. So werden Europäer und Amerikaner zunehmend „made in Brazil" auf den Verpackungen lesen können. Es bleibt zu hoffen, dass die brasilianischen Regierungen dieses Potential genau erkennen und das Land mit einer ökologisch und sozial vertretbaren Agrarpolitik in seiner Position festigen. Noch nie waren die Chancen hierfür so gut wie heute.

 

30.4.07 18:12, kommentieren