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Auswandern aus Deutschland – Aber um jeden Preis?

Als Auswanderer und Autor des Büchleins „Wilder Westen Brasilien – Aus dem Tagebuch eines Auswanderers" müsste ich die Antworten solcher Fragen eigentlich genau kennen: Was treibt uns Deutsche aus unserem Land, welche Dinge vermissen wir in unserem deutschen Leben, weshalb suchen wir das Glück woanders? Diese Fragen sind deshalb nicht einfach zu beantworten, da jeder Mensch in seinem Dasein doch sehr individuelle Ziele im Visier hat. Der deutsche Mediziner wandert nach Norwegen oder England aus, weil ihm das Gesundheitssystem seiner Heimat das äußerste abverlangt, ohne ihn seiner Meinung nach angemessen zu entlohnen. Der deutsche Unternehmer wandert aus, weil ihn deutsche Behörden mit ihrem Vorschriftenwahn zu erwürgen drohen. Der deutsche Eliteschüler wandert aus, weil englische und amerikanische Universitäten ihm das weltweit privilegierteste Diplom ausstellen. Der deutsche Querdenker zieht von dannen, weil ihn die deutsche Geradeausdenkerei seiner Kreativität beraubt. Der deutsche Globetrotter kehrt nicht zurück, weil er gerade keinen Bock auf Spießigkeit hat. Der deutsche Mann wandert aus, weil ihm südamerikanische Frauen das geben, wovon er in Deutschland nachts träumt. Die deutsche Frau wandert aus weil… nun, das ist wirklich eine gute Frage .

Ist Deutschland wirklich so krass, dass all diese Menschen gute Gründe dafür haben, ihrer Heimat den Rücken zu kehren? Hatte ICH wirklich gute Gründe, meinen gutdotierten und sicheren Job bei einem deutschen Vorzeigeunternehmen an den Nagel zu hängen, um in Brasilien Rinder zu züchten? Heute, zirka vier Jahre nach meiner Entscheidung, will ich diese Frage nicht zwangsläufig verneinen, jedoch sehe ich sie anders als damals. Aber ich lebe mit dieser Entscheidung, ich bin glücklich mit ihr und ich bereue sich nicht. Auch wenn ich mir vieles in meinem neuen Leben anders vorstellte als es dann tatsächlich eintrat.

Ich denke, das ist bei einem solchen Schritt normal. Wer auswandert, kann nicht alle Eventualitäten berücksichtigen. Es bleibt immer ein Unsicherheitsfaktor, ein Risiko. Leben eben. Selbst wenn es sich wie bei mir um jemanden handelt, der das Land seiner Träume schon lange kannte, bevor er den Schritt wagte. Der Wunsch des Auswanderns entstand bei mir, als ich noch jung war, keine Angst kannte und das Wort Risiko noch mit Männlichkeit gleichsetzte. Heute bin ich zwar noch nicht alt, jedoch älter, ergo reifer. Heute mache ich mir plötzlich Gedanken über ernste Krankheiten oder Unfälle und frage mich, was hier in der Pampa unter solchen Umständen abläuft. Angeheizt wird meine Gedankenküche von unzähligen Motorradunfällen in meiner Stadt, die mangels medizinischer Infrastruktur tödlich enden. In Deutschland würden die meisten von ihnen überleben, weil nach durchschnittlich zehn Minuten ein bestens ausgestatteter Rettungswagen aufkreuzt, der den Verunfallten innerhalb kürzester Zeit in ein dem Stand der Zeit entsprechendes Krankenhaus befördert. Im schlimmsten Fall kommt der Hubschrauber. Der wäre in Brasilien aufgrund der immensen Entfernungen sicherlich weitaus angebrachter. Aber Rettungswesen in Brasilien? Ein verdammt trauriges Kapitel.

Ein Freund von mir, Polizist, ist mit seinen 38 Jahren noch viel zu jung, um mit fortgeschrittener Knie-Arthrose in Rente zu gehen. Von künstlichen Kniegelenken können die meisten Brasilianer in einer solchen Sachlage nur träumen. Stattdessen laufen sie auf Krücken oder fahren mit dem aus eigenen Mitteln finanzierten Rollstuhl. Ich versuche immer, so etwas zu verdrängen. Was mir dabei hilft ist die Tatsache, dass ich niemals im Leben ernsthaft erkrankte oder in einen schlimmen Unfall verwickelt war. Wie schaffen es die Brasilianer nur so erfolgreich, sich über solche Dinge keinen Kopf zu machen? Sind sie zu unbeschwert oder zu ungebildet? Kommt diese sagenhafte Unbeschwertheit aus Mangel an Bildung? Oder liegt es am festen Glauben an Gott, der nur das beste für seine Brasilianer will und in der Überzeugung, dass sein Wille der richtige Weg ist?

Ich bezweifle, dass sich die meisten Deutschen von ihrer fast schon angeborenen Rationalität abkoppeln können und echte Brasilianer werden. Zumindest dann nicht, wenn sie im fortgeschrittenen Erwachsenenalter in eine völlig andersartige Hemisphäre kommen. Allerdings werden dann wohl kaum echte Glücksgefühle aufkommen können. Nun, ich jedoch habe es tatsächlich geschafft, mir nicht öfter als notwendig Gedanken über die unangenehmen Seiten des Lebens zu machen.

Ich sehe es als wichtige, wenn nicht als entscheidende Erfahrung meines menschlichen Werdeganges, dank meiner neuen Lebensumgebung in Bezug auf meinen früheren Wirkungskreis, Deutschland, alles differenzierter zu sehen. Plötzlich weiß ich Dinge zu würdigen, die mich früher kaum zu einem Gedanken angeregt hätten. Der oben erwähnten Tatsache, dass bei einem Unfall oder einem Herzinfarkt innerhalb kürzester Zeit kompetente Rettung naht, werden wir uns in aller Regel erst dann bewusst, wenn wir in eine solche bedauernswerte Situation geraten. Hier, in meiner zentralbrasilianischen Kleinstadt Colinas (ca. 30000 Einwohner), habe ich schon einige Kradfahrer am Unfallort verbluten sehen. Es existieren weder Unfallmanagement noch Rettungskette und adäquate medizinische Infrastruktur. Das Krankenhaus besitzt keine Notfallaufnahme und keine Intensivstation. Bisweilen ist nicht einmal ein Arzt anwesend. Ein halbwegs akzeptables Krankenhaus befindet sich in 110 Kilometer Entfernung, die der Schwerverunfallte auf der Pritsche eines überdachten Pick-Ups überstehen muss. Wer so was im Urlaub sieht, ist in den meisten Fällen froh, in die zivilisierte Welt zurückkehren zu dürfen.

Nachdem wir uns jedoch entschieden haben, in einem Land wie Brasilien zu leben, müssen wir uns auch über die damit einhergehenden Konsequenzen bewusst werden. Um sich dieser Konsequenzen bewusst zu werden, ist eine Auseinandersetzung mit ihnen erforderlich, um sie für sich persönlich zu gewichten. Ich kenne Menschen in Deutschland, die bei meiner Ankündigung, nach Brasilien auswandern zu wollen, aufschrieen. Jene haben zumindest schon feste Vorstellungen (wenn auch oft nur aus nicht immer zutreffenden Vorurteilen bestehend) in Bezug auf die brasilianischen Lebensbedingungen und könnten sich niemals mit ihnen anfreunden. Klare Sache also, Entscheidung akzeptiert. Dann sind da noch jene Furchtlosen, die keinerlei Gedanken an irgendwelche Gefahren verschwenden. Obwohl sie die möglichen Gefahren genau kennen und sich derer bewusst sind. Echte Kerle eben. Schließlich sind dann noch diejenigen, vermutlich die größte Gruppe aller Auswanderer, die die Risiken nicht genau durchschauen und aufs Geratewohl auswandern. Sie sind von den vermeintlichen Annehmlichkeiten des neuen Lebens gleichermaßen fasziniert wie auch geblendet, so dass sie die negativen Aspekte nicht sehen bzw. nicht sehen wollen. Und das ist nicht ungefährlich.

Es ist immer wieder amüsant, in den einschlägigen Brasilien-Foren (z.B. bei Brasil-Web) die unbedarften Vorstellungen, zumeist jüngerer Menschen, über das Leben in Brasilien zu verfolgen. Besonders drollig war eine junge Frau, die unzufrieden mit dem Leben in Deutschland ist (Menschen doof, Wetter scheiße, nur für die Steuern arbeiten usw.) und unbedingt nach Brasilien emigrieren will. Sie hätte da eine tolle Geschäftsidee, die sie mit ihrer Freundin realisieren wollte und ein bisschen Geld hätten sie auch gespart. Das Problem nur: wie einen legalen Aufenthaltsstatus erlangen ohne einen Brasilianer heiraten zu müssen? Die Erfolgschancen einer solchen Expedition sind denkbar gering, zumindest in finanzieller Hinsicht. Dennoch bin ich unbedingt dafür, eine solche Unternehmung zu wagen, denn die junge Frau wird viele wertvolle Erkenntnisse sammeln, enorm dazulernen und vielleicht glücklich nach Deutschland zurückkehren. Allerdings nur dann, wenn sie sich aller möglichen Folgen vorher bewusst ist. Aber genau dies bezweifle ich. Sie denkt an lockeres Geschäftemachen in entspannter Bossanova-Atmosphäre, an die anschließenden Caipirinhas mit (in Wirklichkeit nicht immer ganz so) netten Menschen am Strand und vielleicht an einen ausdauernden Latino-Lover. Träume sind wichtig. Deren Realisierbarkeitschancen freilich ebenso. Echte Enttäuschungen als Folge unerwarteter Erfahrungen sind bitter, daher sollte die eigene Erwartungshaltung vor derart großen Schritten im Leben hinreichend auf die Erfüllungswahrscheinlichkeit überprüft werden. Es lassen sich viele Dinge aus der eigenen Erkenntnis heraus nicht immer gut voraussehen. Aber es gibt Menschen, die hierbei helfen können.

Ich habe Brasilien 1993 bei einem Praxissemester in einem deutschen Unternehmen erstmalig kennen gelernt. Bis zu meinem Entschluss im Jahr 2003 nach Brasilien auszuwandern, hatte ich auf zahlreichen Reisen Gelegenheit die brasilianische Mentalität zu studieren. Meine damalige brasilianische Ehefrau hatte großen Anteil an diesem Prozess. Selbst mit diesem Wissensschatz ausgestattet muss ich gestehen, einige Dinge nach meiner Immgration hier zu blauäugig angegangen zu sein. Auf einige Enttäuschungen hätte ich gern verzichtet. Dies hat jedoch weder meine Liebe zu Brasilien geschmälert noch meine Liebe zu Deutschland erhöht. Nur sehe ich heute vieles weitaus kritischer und bedachter. In Deutschland empfand ich vieles als überorganisiert, pedantisch, spießig, ohne Charme. Inzwischen würde ich mich gern hin und wieder mal aus dem Chaos in die Spießigkeit beamen lassen, wenn diese Technik denn schon zur Verfügung stünde. Beneidenswert ist denke ich derjenige, der eine Hälfte des Jahres in Brasilien und die andere Hälfte in Deutschland verbringen kann. Das ist auch mein Traum, der sich beruflich jedoch leider meistens schwer verwirklichen lässt.

Enttäuscht wurde ich glücklicherweise nicht in der Liebe, meine zweite Ehefrau erwies sich als zuverlässige und liebenswerte Partnerin. Das Fundament ist also intakt. Beruflich erfolgte eine Umorientierung, da ich in meinem Leben nicht nur eine örtliche sondern auch eine inhaltliche Wende vollziehen wollte. Wir führten ein Geschäft mit Kinderbekleidung sowie ein Juwelierladen mit eigener Produktion. Ferner stieg ich mit einer eigenen Rinderherde in die Landwirtschaft ein. Das Bekleidungsgeschäft ging aufgrund der (nicht vorhandenen) Zahlungsmoral unserer Kunden den Bach herunter, wir mussten es praktisch als Totalverlust abschreiben. Mit dem Juweliergeschäft lief es zum Glück etwas besser. Aber bevor auch dieses Geschäft aufgrund der vorgenannten Gründe in die roten Zahlen abzurutschen drohte, ergriff ich die Chance, es mit ein wenig Gewinn zu verkaufen. Nicht selbst verschuldetes Pech hatte ich auch mit Hornvieh, da kurz vor dem Veräußerungstermin ausgerechnet ein Fall von Maul- und Klauenseuche im Bundesstaat Mato Grosso do Sul auftreten musste. Dies hatte ein fast weltweites Exportverbot brasilianischen Rindfleisches mit einem zirka 30prozentigen Preiseinbruch auf dem nationalen Fleischmarkt zur Folge. Glücklicherweise hatte all dies keinen finanziellen Genickbruch zur Folge, so dass ich diese Erfahrungen als überaus lehrreiche Lektionen mit auf meinen Lebensweg nehme.

Meine Erfahrungen aus der Landwirtschaft und das Zustandekommen wertvoller Kontakte lassen mich derzeit meinen Einstieg in das internationale Agro-Consulting erproben und vorbereiten. Hierbei helfen mir auch meine früheren Erfahrungen als Ingenieur und der augenblickliche weltweite Run auf nachwachsende Energieträger.

 

Nicht nur für jene, die sich für das Auswandern oder für Brasilien interessieren, habe ich das oben bereits erwähnte Buch „Wilder Westen Brasilien – Aus dem Tagebuch eines Auswanderers" (ISBN-10: 3-936904-26-X / Autor: Steffen Udo Herklotz) geschrieben, sondern auch für all jene, die sich für das reale Leben anderer Menschen interessieren. Es ist absolut authentisch und im Online-Bookshop meines Verlegers „Publikationsservice" (www.publikationsservice.de) sowie bei Amazon erhältlich. Aus sehr persönlicher Sicht geschrieben, bietet es an einigen Stellen reichlich Stoff für kontroverse Ansichten, was jedoch durchaus beabsichtigt war. Ich würde mich freuen, wenn in diesem Blog eine freudige Diskussion über das Auswandern und über Brasilien zustande kommt.

27.4.07 23:47

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