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Brasilien – Die globale Kornkammer von morgen?

Brasilien ist geologisch, geografisch und klimatisch gesehen ein von Gott gesegnetes Land. Mit 8,5 Mio qkm riesig groß, bei über 7000 km Küstenlänge mit einem traumhaften Zugang zum Meer ausgestattet, im Verhältnis zur Größe des Landes fast frei von nicht oder schlecht nutzbaren Gebirgsregionen und fast ohne Naturkatastrophen. Aufgrund der enormen Nord-Südausstreckung finden sich 3 Klimazonen in Brasilien: tropisch, subtropisch und gemäßigt. Da ist für fast jedes Lebewesen etwas dabei, um sich wohl zu fühlen.

 

Aufgrund dieser Voraussetzungen ist Brasilien bereits heute einer der weltgrößten Produzenten von Soja, Kaffee, Mais, Reis, Orangen (einschließlich der Weiterverarbeitung zu Konzentrat) und Rindfleisch. Und es ist noch großes Potential vorhanden, denn die Anbaumethoden entsprechen vielfach noch nicht dem heutigen Stand der Technik. Bei konsequenter und flächendeckender Einführung moderner Produktionsmethoden (Maschinen, Dünger, Bewässerung) könnten die durchschnittlichen Flächenerträge noch beträchtlich gesteigert werden, ohne dass wertvolle Urwälder in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt werden müssten. Die Nutzung moderner Technik scheitert in Brasilien meistens aufgrund des Mangels an finanziellen Ressourcen vieler Landwirte. Kredite sind teuer und Brasiliens Politik unterstützt seine Bauern nicht mit Subventionen. Auch bei (klimatisch bedingten) Ernteausfällen kann der Landwirt nicht mit Unterstützung durch den Staat rechnen, so wie das beispielsweise in Europa gängige Praxis ist.

 

Man könnte sich an dieser Stelle streiten, was die richtige Politik ist. Einerseits ist ein Landwirt ein Unternehmer, der somit ein unternehmerisches Risiko zu tragen hat. Dieses Risiko schließt Ernteausfälle mit ein. Andererseits hat die Tätigkeit des Landwirts eine fundamental-globale Dimension: die Ernährung der Menschheit zu sichern. Aus diesem Grunde ist der Maisbauer, dessen Ernte von einer Dürre vernichtet wurde, hinsichtlich der Kompensation von unternehmerischen Risiken nicht gleichzusetzen mit dem Schuhfabrikanten, dessen Produktionshalle abgebrannt ist. Zumal im letzteren Falle in der Regel eine Versicherung den Schaden übernimmt.

 

Eine Sonderstellung nimmt Brasilien bei nachwachsenden Energieträgern, derzeit insbesondere bei Zuckerrohr ein. Aufgrund einer weisen Entscheidung der damaligen Militärdiktatur Ende der siebziger Jahre, begann Brasilien mit dem Aufbau einer flächendeckenden Produktion und Versorgung von Bioethanol für den Einsatz in Kraftfahrzeugen, um die Abhängigkeit des Landes von Energieimporten zu vermindern. Als hierfür bestens geeignetes Ausgangsmaterial bot sich Zuckerrohr an, dessen Produktivität beispielsweise im Vergleich zu Mais um ein Vielfaches höher ist. In eine ernste Krise geriet das Projekt Mitte der achtziger Jahre, als die Energiepreise wieder fielen und die Zuckerpreise stiegen. Somit war Ethanol über viele Jahre teurer als konventioneller Kraftstoff und der Marktanteil an Alkohol-Fahrzeugen ging dramatisch zurück. Die Renaissance des Bioalkohols kam dann mit den steil ansteigenden Rohölpreisen seit der Jahrtausendwende und mit neuen technischen Lösungen der Automobilindustrie, die einen beliebigen Mischbetrieb der Motoren mit Benzin und Alkohol erlaubten. Heute ist die überwiegende Mehrheit aller in Brasilien verkauften Fahrzeuge mit diesen sogenannten Totalflex-Motoren ausgestattet.

 

Obgleich nachwachsende Energieträger nur zu einem sehr geringen Teil zur Deckung des weltweiten Energiebedarfs beitragen, derzeit etwas über ein Prozent, existiert momentan ein regelrechter Run auf Biofuels, ausgelöst durch den Anfang 2007 veröffentlichten Klima-Report. Besonders in Brasilien sind unzählige Landwirte momentan damit beschäftigt, ihre Landflächen in Zuckerrohr-Monokulturen zu verwandeln. Wer heute durch São Paulo fährt, fühlt sich in weiten Teilen dieses Bundesstaates wie in einem riesigen grünen Meer aus Rohrhalmen badend. Ähnlich kommt sich wohl eine Ameise auf dem heimischen Rasen vor. Wo vor kurzer Zeit noch große Rinderherden zufrieden ihr Gras kauten, sind die Flächen heute mit Zuckerrohr kultiviert. Die Renditen der Fleischviehzucht sind mit 3-5 % einfach zu niedrig, um den teuren Boden in São Paulo mit den wiederkäuenden Vierbeinern voll zu stellen. Zuckerrohr verspricht ein Vielfaches mehr an Return of Invest und die teure Anfangsinvestition der Bepflanzung ist bereits nach gut einem Jahr amortisiert. Ein Steckling treibt bis zu 6 Mal produktiv aus, was bedeutet, dass der Landwirt 6 Jahre lang kein Geld für das Bestellen der Felder ausgeben muss. Nur düngen und ernten.

Aber gerade das Ernten von Zuckerrohr bietet reichlich Konfliktstoff. Obwohl die mechanisierte Ernte ohne das vorherige Abfackeln der Zuckerrohrfelder seit Jahrzehnten auf dem Vormarsch ist, werden auch heutzutage noch rund 50% des Zuckerrohrs manuell geerntet und dabei vorher angezündet. Dabei verbrennt alles (die unproduktiven Blätter und Stängel der Pflanze), außer dem safthaltigen Zentralhalm. Bei den Großbränden werden Unmengen von Kohlendioxid freigesetzt, Rauch und Asche kontaminieren nahegelegene Städte. Die manuelle Ernte stellt zwar einerseits die Einkommensquelle hunderttausender Brasilianer dar, andererseits ist die Arbeit auf den verkohlten Feldern Sklavendienst der ungenehmsten Sorte. Unter sengender Sonne und mit Kohlenstoff kontaminiert schuften die Menschen 12 Stunden täglich, um pro Tonne zirka zwei Real zu verdienen. Gute Schneider schaffen rund 10 Tonnen pro Tag, womit sie auf zwanzig Real kommen.

 

Es existieren auch mahnende Stimmen, die sagen, dass das mit dem Zuckerrohr alles viel zu schnell geht. Boomartige Entwicklungen sind selten gut, denn gerade in der Landwirtschaft sind die Auswirkungen, z.B. auf die Natur, nur spät zu erkennen und oft nur schwer oder gar nicht umkehrbar. Der beste Beweis war der Soja-Boom in weiten Teilen Brasilien, so in Mato Grosso und Tocantins beispielsweise. Dort wurden in Erwartung eines weltweiten Nachfrage-Aufschwungs unendliche Weiten mit der Bohne bepflanzt, was 2006 ein jähes Ende fand. Der starke Dollarkurs in Verbindung mit der US-amerikanischen Subventionspolitik, ließ den Preis auf 13 Real je Sack einbrechen, ein Wert, der weit unter den Produktionskosten liegt. Der Preis hat sich zwar wieder verdoppelt, jedoch ist zum einen auch er noch nicht ausreichend, um angemessen an dem Produkt zu verdienen und zum anderen hat das Jahr 2006 vielen Soja-Farmern finanziell das Genick gebrochen, so dass diese gar nicht mehr die Möglichkeit haben, sich wieder zu erholen. In Mato Grosso kamen in diesem Jahr noch extreme Niederschläge mit Überschwemmungen hinzu, die einen nennenswerten Teil der Ernte auf den Felder verfaulen ließen.

Bei Zuckerrohr ist Brasilien freilich Marktführer, die Pflanze ist relativ anspruchslos (abgesehen von einer erforderlichen üppigen Düngung) und die Produktschiene hochprofitabel. Damit ist das Risiko in finanzieller Hinsicht ungleich niedriger, als z.B. bei Sojabohnen. Dennoch sind die sozialen Auswirkungen und die Rückwirkungen auf die Natur noch völlig unabschätzbar, wenn jährlich Hunderttausende Hektar an Weideland zu Zuckerrohrplantagen transformiert werden. Brasilien ist heute in der Lage, eine Schlüsseltechnologie als ganzheitliches Konzept exportieren zu können. Brasilianische Unternehmen sind somit weltweit als Berater und Projekteure gefragt, wenn es um den Aufbau einer Bioethanol-Industrie, speziell aus Zuckerrohr, geht. Speziell Indien und südostasiatische Länder sind in diesen Tagen mit Hochdruck dabei, dem brasilianischen Vorbild nachzueifern und auf den Biofuel-Zug aufzuspringen.

 

Um ebenfalls von den völlig anderen Marktbedingungen in Europa profitieren zu können –dort sind derzeit rund die Hälfte aller PKW mit Dieselmotoren ausgerüstet – investiert Brasilien derzeit kräftig in die Biodiesel-Produktion. Auch hier ist das Land in der glücklichen Lage, dass außer Raps alle wichtigen Ölpflanzen beheimatet sind. Sojabohnen, Sonnenblumen, Ölpalmen und Rizinus heißen in diesem Falle die Alternativen, wobei sich alles auf letztere zu konzentrieren scheint. Denn die Rizinusstaude besitzt den Vorteil der absoluten Anspruchslosigkeit, da sie selbst in semi-ariden Zonen gedeiht. So lassen sich plötzlich Flächen im trockenen Nordosten des Landes (z.B. Ceará nutzbar machen, die zuvor unproduktiv waren. Die niedrigen Bodenpreise wirken zusätzlich attraktiv. Auch in Tocantins spricht heute niemand mehr von Sojabohnen, sondern plötzlich alle nur noch von Mamona (Rizinus). Brasilianer sind wie Lemminge, die dem erstbesten Pseudo-Guru nachlaufen, ohne jedoch die wichtigen Details zu hinterfragen.

So ist ungewiss, wie die Wettbewerbsnachteile des deutlich höheren Rizinusölpreises im Vergleich zum Dieselöl aufgefangen werden können, ohne dass die Politik subventionierend eingreifen muss. Hinzu kommen noch Kosten für die Veredlung des Rizinusöls, damit es für den Einsatz in modernen Dieselmotoren taugt. Die Transportkosten spielen heute mit Supertankern keine bedeutende Rolle mehr, so dass Herstellermarkt und Verbrauchermarkt nicht ortsgleich sein müssen.

 

Brasilien ist schon heute in der Lage, nicht nur einen bedeutenden Beitrag zur Energieversorgung der Welt zu leisten. Vielmehr zählt das Land mit einer diversifizierten Produktpalette zu einem der weltweit wichtigsten Agrarexporteure, dem zukünftig noch viel zuzutrauen ist. So werden Europäer und Amerikaner zunehmend „made in Brazil" auf den Verpackungen lesen können. Es bleibt zu hoffen, dass die brasilianischen Regierungen dieses Potential genau erkennen und das Land mit einer ökologisch und sozial vertretbaren Agrarpolitik in seiner Position festigen. Noch nie waren die Chancen hierfür so gut wie heute.

 

30.4.07 18:12

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